Eine Illustration von modernen Menschen, die auf einem Getreidefeld auf einer Hochfläche mit dramatischen Himmel die Ernte einbringen

Landwirtschaft im
spätkeltischen Europa

Die Landwirtschaft bildete das Fundament der spätkeltischen Gesellschaft. Antike Autoren wie Strabon beschreiben Gallien als ein Gebiet intensiven Getreide- und Hirseanbaus, in dem nahezu alle nutzbaren Flächen bewirtschaftet wurden. Auch Caesar hebt die zentrale Bedeutung von Getreide hervor, besonders im Zusammenhang mit Versorgung und Vorratshaltung, was auf eine bereits organisierte und planvolle Produktion schließen lässt.

Ackerbau als wirtschaftliche Grundlage

Archäobotanische Funde bestätigen und differenzieren es weiter. Verkohlte Pflanzenreste belegen eine vielfältige Mischwirtschaft aus Hirse, Gerste sowie verschiedenen Weizenarten wie Einkorn, Emmer und Dinkel, ergänzt durch Hülsenfrüchte.
Untersuchungen aus Südwestdeutschland, die Pollenanalysen mit Makrorestfunden kombinieren, weisen darauf hin, dass sich die landwirtschaftliche Nutzung bereits in der Latènezeit intensivierte. Wahrscheinlich arbeiteten die Bauern mit Systemen aus Ackerbau und Brache, ergänzt durch verbesserte Bodenbearbeitung und möglicherweise Düngung. Plinius der Ältere berichtet zudem von technischen Innovationen wie einem Räderpflug sowie einer mechanisierten Erntetechnik im gallischen Raum.

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Technik und Innovation

Besonders bemerkenswert ist die von Plinius beschriebene Erntemaschine, der sogenannte vallus. Dabei handelt es sich um einen auf Rädern montierten Rahmen mit Zinken, der durch das Getreidefeld geschoben wurde und die Ähren direkt erfasste. Diese Konstruktion deutet auf großflächige und organisierte Ernteprozesse hin.
Auch der erwähnte Räderpflug zeigt, dass man sich intensiv mit effizienter Bodenbearbeitung beschäftigte. Solche Geräte ermöglichten eine gleichmäßigere und vermutlich tiefere Bearbeitung des Bodens. Ergänzt wurde dies durch Eggen und andere Werkzeuge.
Archäologisch sind zudem zahlreiche eiserne Sicheln belegt, die für die Getreideernte verwendet wurden. Wahrscheinlich dominierte die Arbeit mit Sicheln, die eine selektive Ernte erlaubte, während komplexere Techniken wie der vallus eher in größeren Produktionszusammenhängen eingesetzt wurden.
Diese Entwicklungen zeigen, dass die spätkeltische Landwirtschaft keineswegs statisch war, sondern über ein beachtliches Innovationspotenzial verfügte – wenn auch nicht flächendeckend und regional unterschiedlich ausgeprägt. Dies deckt sich auch mit Strabons bericht vom fruchtbaren Land.

Viehzucht und Nutzungssysteme

Neben dem Ackerbau spielte die Viehzucht eine zentrale Rolle. Archäozoologische Untersuchungen, etwa aus spätlatènezeitlichen Siedlungen wie Basel-Gasfabrik, zeigen eine klare Dominanz von Haustieren, insbesondere Rindern, gefolgt von Schweinen und Schafen beziehungsweise Ziegen.
Die Analyse der Tierknochen macht deutlich, dass die Tiere gezielt unterschiedlich genutzt wurden. Rinder wurden meist erst im Erwachsenenalter geschlachtet, was auf ihre Nutzung als Zugtiere und Milchlieferanten hinweist. Schweine hingegen wurden häufig jung geschlachtet und dienten vor allem der Fleischproduktion. Schafe und Ziegen wurden insbesondere wegen Milch und Wolle gehalten, wobei weibliche Tiere länger genutzt wurden.
Diese differenzierte Tierhaltung belegt eine planvolle Wirtschaftsweise, in der Ackerbau und Viehzucht eng miteinander verzahnt waren.

Gallische Schweine beeindruckten sogar antike Autoren

Strabon schildert sie als besonders groß, kräftig und schnell.Die Tiere lebten weitgehend im Freien und konnten selbst Wölfen gefährlich werden. Schweinefleisch wurde frisch verzehrt, eingesalzen und bis nach Italien exportiert. Ob die Schweine am Heidengraben ebenso gehalten wurden, wissen wir nicht – doch auch hier gehörte Viehzucht zur Versorgung der Siedlung.

Der Heidengraben: Landwirtschaft im großen Maßstab

Das Oppidum Heidengraben stellt ein herausragendes Beispiel für die Verbindung von Siedlung und Landwirtschaft dar. Mit rund 1800 Hektar Fläche und über 11 Kilometern Befestigung gehört es zu den größten Oppida Europas. Auffällig ist, dass nur ein kleiner Teil dieser Fläche dicht besiedelt war, während große Bereiche landwirtschaftlich genutzt wurden.
Schätzungen zufolge standen etwa 2000 Hektar fruchtbarer Böden zur Verfügung, was die Interpretation als „Stadt im Agrarraum“ nahelegt. Trotz der schwierigen Wasserverhältnisse auf der Schwäbischen Alb nutzten die Bewohner Quellen, Wasserstellen und angepasste Nutzungsstrategien.
Funde von importierten Weinamphoren belegen zudem eine Einbindung in überregionale Handelsnetzwerke. Landwirtschaft diente hier also nicht nur der Selbstversorgung, sondern war Teil eines komplexen wirtschaftlichen Systems.

Organisation und gesellschaftliche Bedeutung

Die Größe der Oppida macht deutlich, dass ihre Versorgung eine leistungsfähige Landwirtschaft voraussetzte. Die Berichte Caesars über Vorratshaltung und die technischen Hinweise bei Plinius zeigen, dass Produktion und Ernte auch auf Überschüsse ausgerichtet waren.
Diese Überschüsse ermöglichten größere Siedlungen, Handel und Spezialisierung. Die monumentalen Befestigungen des Heidengrabens verdeutlichen zudem, dass Arbeitskräfte organisiert und Ressourcen gezielt eingesetzt wurden. Landwirtschaft war damit ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Struktur.

Landwirtschaft und „Hochkultur“?

Die spätkeltische Landwirtschaft war leistungsfähig, anpassungsfähig und in Teilen technisch innovativ. Gleichzeitig zeigt der Vergleich mit der Römerzeit, dass die stärkste Intensivierung erst später erreicht wurde. Die keltische Landwirtschaft war daher weniger durch maximale Produktivität als durch Stabilität und Flexibilität geprägt.
Im Hinblick auf die Frage nach einer „Hochkultur“ sprechen jedoch viele Kriterien dafür: große Siedlungen, Fernhandel, spezialisierte Wirtschaft und komplexe Organisation.

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weitere Bildnachweise: 

Hinterwälder: Bildnachweis mit freundlicher Unterstützung vom Förderverein Hinterwälder e.V., 79677 Schönau, http://www.hinterwaelder.com/_historisches.html

Rätisches Grauvieh: Bildnachweis mit freundlicher Unterstützung der Stiftung ProSpecieRara, Hellgasse 1, CH-5103 Wildegg, https://www.prospecierara.ch/


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