Bauen
und Wohnen
in der Spätlatènezeit
Als im 2. Jahrhundert v. Chr. das Oppidum am Heidengraben entstand, entwickelte sich auf der Schwäbischen Alb eines der größten befestigten Zentren Mitteleuropas. Innerhalb der mächtigen Wälle lebten die Menschen nicht in einfachen Hütten, sondern in sorgfältig geplanten Holzbauten – errichtet mit Eisenwerkzeugen und ausgeführt von spezialisierten Handwerkern.
Eine Architektur aus Holz – und doch erstaunlich vielseitig
Holz war der wichtigste Baustoff. Gerade deshalb ist heute kaum ein Haus direkt erhalten. Archäologen finden Pfostengruben, Fundamentgräben, verziegelten Lehm oder Brandreste. Aus solchen Spuren entsteht Schritt für Schritt ein Bild spätkeltischer Architektur.
Neuere bauhistorische Forschungen haben gezeigt, dass dieses Bild differenzierter betrachtet werden muss, als es lange Zeit geschah. Die spätkeltische Bauweise war vermutlich konstruktiv vielfältiger, als ältere Rekonstruktionen vermuten ließen.
Konstruktion: Pfosten, Schwellen und Sockel
Lange galt das eisenzeitliche Haus als klassischer „Pfostenbau“: Tragpfosten wurden direkt in den Boden eingegraben, dazwischen befanden sich Wandfelder aus Flechtwerk oder Bohlen. Diese Bauweise ist archäologisch gut fassbar, weil die Pfostenlöcher als Bodenverfärbungen erhalten bleiben.
Doch diese Interpretation erklärt nicht alle Befunde. Bauhistorische Analysen weisen darauf hin, dass neben dem eingegrabenen Pfosten auch andere Gründungsweisen denkbar sind. In Regionen mit gut verfügbarem Stein – wie auf der Schwäbischen Alb – erscheinen Schwellenkonstruktionen oder niedrige Steinsockel konstruktiv durchaus plausibel. Dabei stehen die senkrechten Hölzer auf waagerechten Schwellenbalken oder auf einem steinernen Unterbau. Das schützt das Holz vor Bodenfeuchtigkeit und erhöht die Lebensdauer des Gebäudes.
Ob diese Bauweise am Heidengraben regelmäßig angewandt wurde, ist derzeit nicht abschließend geklärt. Sicher ist jedoch: Die archäologischen Spuren erlauben mehr als nur das einfache Modell des Erdpfostenhauses.
Gerade bei Höhensiedlungen stellt sich zudem die Frage nach terrassierten Fundamenten oder angepassten Gründungen in Hanglagen. Vergleichende Beispiele aus anderen Regionen Europas zeigen, dass solche Lösungen technisch sinnvoll sind. Für den südwestdeutschen Raum bleibt die Diskussion offen – doch sie erweitert unseren Blick auf die Möglichkeiten keltischer Baukunst.
Wände und Holzverarbeitung
Die Wandflächen bestanden meist aus einem Geflecht aus Ruten, das mit Lehm verstrichen wurde, oder aus in ein Ständergerüst eingefügten Bohlen. Brandreste bewahren bis heute Abdrücke von Zweigen, Balken und Werkzeugspuren und geben Einblicke in die Konstruktion.
Besonders aufschlussreich ist die Frage nach der Holzbearbeitung. In großen Oppida wie Manching sind neben Äxten, Dechseln und Beilen auch Sägen archäologisch nachgewiesen. Holz konnte also nicht nur gespalten oder behauen, sondern gezielt geschnitten werden.
Gleichzeitig zeigt die Fundlage, dass Beil und Dechsel die wichtigsten Bauwerkzeuge blieben. Das meiste Bauholz wurde weiterhin behauen oder gespalten – effiziente und materialgerechte Techniken. Sägen erweiterten die Möglichkeiten, ersetzten die traditionellen Verfahren jedoch nicht. Die spätkeltische Holzarchitektur war damit eine Verbindung aus bewährter Handwerkspraxis und erweiterten technischen Optionen.
Dächer ohne Ziegel
Römische Dachziegel waren im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. noch nicht verbreitet. Stattdessen nutzte man organische Materialien. Für süddeutsche Fundplätze werden Holzschindeln ebenso diskutiert wie Strohdächer. Indirekte Hinweise aus Manching sprechen für Schindeldeckungen, während in anderen Regionen etwa Reet in Betracht kommt.
Welche Deckung am Heidengraben dominierte, lässt sich nicht sicher entscheiden. Wahrscheinlich existierten mehrere Lösungen nebeneinander – abhängig von Materialverfügbarkeit, Gebäudefunktion und sozialem Status.
Mehrgeschossige Bauten – Realität oder Rekonstruktion?
Im Heidengrabenzentrum ist ein zweigeschossiges Gebäude dargestellt. War das möglich?
Für Toranlagen ist eine Mehrgeschossigkeit durchaus plausibel. Das Zangentor des Heidengrabens wird in der Forschung als wahrscheinlich zweistöckig interpretiert – erhöhte Plattformen dienten Kontrolle und Repräsentation.
Bei Wohnhäusern ist die Lage differenzierter. Der Holzbau erlaubt grundsätzlich Obergeschosse oder zumindest nutzbare Dachräume. In dichter bebauten Oppida sind solche Lösungen technisch vorstellbar. Eindeutig belegt sind mehrgeschossige Häuser etwa im südfranzösischen Oppidum Ensérune, wo steinerne Bauelemente eine obere Etage nachweisen.
Für den Heidengraben gilt daher: Mehrgeschossige Wohnhäuser sind konstruktiv möglich, archäologisch jedoch nicht eindeutig bewiesen. Rekonstruktionen bewegen sich hier im Bereich plausibler Interpretation.
Haus und Gesellschaft
Ein spätkeltisches Haus war mehr als ein Schutzraum. Es war Werkstatt, Lager, Wohnraum und Teil eines größeren Gefüges. Innerhalb des riesigen Areals des Heidengrabens existierten dichter bebaute Zonen ebenso wie landwirtschaftlich genutzte Flächen. Haushalte dürften mehrere Generationen umfasst haben; sechs bis zehn Personen pro Hofstelle gelten als realistische Größenordnung.
Der Hausbau spiegelt damit eine Gesellschaft, die organisiert, spezialisiert und technisch versiert war. Eisenwerkzeuge, komplexe Befestigungen und großräumige Planung zeigen: Die keltische Welt der Spätlatènezeit war keine primitive Vorstufe römischer Steinarchitektur, sondern eine eigenständige und leistungsfähige Baukultur Mitteleuropas.
Weitere Bildnachweise:
Galerie zu Hausbau:
- Wolfgang Sauber: „Keltendorf am Dürrnberg (Hallein/Salzburg) – Rekonstruktion eines keltischen Hauses“, 2009, eigenes Werk, Lizenz: CC BY-SA 3.0 Unported (Quelle: Wikimedia Commons), Änderungen: keine.