Zwei Feldwege, die sich kreuzen auf Wiese im dunklen Sonnenuntergang

Straßen in die Welt -
Verkehr und Vernetzung
im Oppidum Heidengraben

Das Oppidum Heidengraben war in der Spätlatènezeit, im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr., ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt. Die Albhochfläche war von einem dichten Netz aus Wegen durchzogen und zugleich in weitreichende Handelsverbindungen eingebunden. Routen aus dem Ermstal, dem Lautertal und dem Neckarraum trafen hier zusammen. Über Flüsse, Landwege und Alpenpässe bestanden Kontakte bis in den Mittelmeerraum, an das Schwarze Meer und in andere Teile Europas.

Straßen und Wege waren dabei weit mehr als bloße Verbindungen zwischen einzelnen Orten. Sie verbanden Produktionsorte mit Märkten, befestigte Zentren mit Flusssystemen und die keltischen Siedlungen Mitteleuropas mit weit entfernten Regionen. Sie waren das „Betriebssystem“ dieses Austauschs.

WEITERLESEN

Handel verbindet Europa

Bereits Jahrhunderte vor der römischen Eroberung unterhielten die Kelten ein weitreichendes Handelsnetz, das große Teile Europas verband. Sie exportierten unter anderem Eisen, Salz, Holz, Flachs, Wolle, Waffen, Werkzeuge, Mahlsteine und Textilien. Im Gegenzug gelangten Wein, Rohglas und kostbare Luxusgüter aus dem Mittelmeerraum bis in die keltischen Siedlungen Mitteleuropas.
Besonders das Salz spielte seit der Hallstattzeit eine bedeutende Rolle. Es war ein begehrtes Handelsgut und trug wesentlich zum Wohlstand vieler Regionen bei. Auch Metalle, Bernstein und andere Rohstoffe wurden über große Entfernungen transportiert.
Funde von Amphorenfragmenten am Heidengraben belegen Fernkontakte bis in den Mittelmeerraum. Wein und andere Importgüter gelangten über ein weitreichendes Verkehrsnetz hierher. Auch Manching war an überregionale Handelsrouten angebunden, möglicherweise sogar über einen Hafenbereich an einem Donau-Altarm.
Ohne tragfähige Wege kein Fernhandel – ohne Fernhandel keine urbanen Zentren. Das Oppidum war kein isolierter Ort, sondern Teil eines europäischen Netzes von Wegen.

Die Wege der Kelten

Die ursprünglichen Verkehrswege der Kelten lassen sich heute nur noch schwer nachweisen. Viele verliefen über Ackerflächen und sind durch jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung verschwunden. Andere wurden später von römischen Straßen überbaut oder durch jüngere Wege verändert.
Keltische Straßen sahen anders aus als die späteren römischen Steinpflasterstraßen. Sie waren funktional, landschaftsangepasst und je nach Bedarf unterschiedlich befestigt. Meist handelte es sich um einfache Fahrwege mit mehreren parallelen Geleisespuren.
Die Trassen folgten den natürlichen Gegebenheiten des Geländes. Sie verliefen entlang von Kämmen, Höhenrücken, Terrassen und Talrändern, mieden Sümpfe und nutzten Flussfurten. An steilen Aufstiegen und im Bereich der Tore wurden sie gezielt stabilisiert. Der Untergrund wurde planiert und verdichtet; bei Bedarf brachte man groben Kies, Schotter oder größere Steine ein.
Solche Befestigungen sind archäologisch nachweisbar. Im Hegau bei Engen-Anselfingen im Landkreis Konstanz wurde ein spätkeltischer Weg mit grobem Kies und Wackersteinen dokumentiert. Dieser Befund ist besonders aussagekräftig, weil hier nicht nur die Konstruktion, sondern durch deutliche Radspuren auch die tatsächliche Nutzung sichtbar wird.

Straßen brauchen Pflege

Ein keltischer Fahrweg war kein statisches Bauwerk. Spurrinnen, Ausbrüche und Schlamm machten regelmäßige Instandhaltung notwendig. Archäologische Befunde zeigen, dass bestehende Wege mit lokalem Material nachgeschottert und einzelne Abschnitte ausgebessert wurden. In manchen Fällen wurden stark beschädigte Teilstücke sogar umfahren.
Sicher haben auch in keltischer Zeit Arbeiter bestehende Fahrwege gepflegt und erneuert: mit einfachen Werkzeugen, mit Schaufeln und mit herangeschafftem Steinmaterial. Es war kein monumentaler Bau, sondern alltägliche Infrastrukturarbeit.

Tore, Aufstiege und Kontrolle

Oppida wie der Heidengraben, der Donnersberg in Rheinland-Pfalz oder das bayerische Manching wurden strategisch angelegt. Ihre Tore lagen dort, wo Wege aus den Tälern auf die Hochflächen führten. Am Heidengraben bündelten sich Routen aus dem Ermstal, dem Lautertal und dem Neckarraum.
Straßen waren hier kein Beiwerk. Sie waren Teil des Verteidigungs- und Wirtschaftssystems. Die Lage der Tore ermöglichte es, den Zugang zum Oppidum zu kontrollieren und den Verkehr gezielt zu lenken. Waren, Menschen, Tiere und Wagen mussten geeignete Aufstiege und Durchgänge nutzen.

Wasserwege und Alpenpässe

Für den Fernhandel waren Flüsse besonders wichtig. Das damals verwendete Halsjoch begrenzte die Zugkraft der Zugtiere, weshalb schwere Lasten auf dem Wasser wesentlich einfacher transportiert werden konnten.
Für das Oppidum Heidengraben dürften insbesondere Neckar und Donau eine wichtige Rolle gespielt haben. Über die Donau bestanden bereits seit der Hallstattzeit Handelskontakte bis zum Schwarzen Meer und in den Mittelmeerraum. Land- und Wasserwege ergänzten sich und bildeten gemeinsam ein überregionales Verkehrsnetz.
Auch die Alpen stellten keine unüberwindbare Grenze dar. Bereits in keltischer Zeit führten Handelsrouten über zahlreiche Pässe, darunter die Glocknerroute. Über diese Wege gelangten Salz, Metalle, Bernstein und andere Rohstoffe nach Süden, während Wein, Schmuck und mediterrane Luxusgüter ihren Weg nach Mitteleuropa fanden.

Wege überdauern Kulturen

Straßen verschwinden selten einfach. Sie werden weiter genutzt. Am Torbereich des Heidengrabens bei Erkenbrechtsweiler fanden sich im Schotter römische Schuhnägel. Sie stammen von genagelten Militär- oder Marschsandalen und belegen, dass der keltische Weg auch in der späteren römischen Zeit noch begangen oder befahren wurde.
Das ist kein Zufall. Verkehrsachsen folgen der Logik der Landschaft – und diese ändert sich nicht mit politischen Grenzen. Ein sinnvoll angelegter Albaufstieg bleibt ein sinnvoller Albaufstieg. Deshalb wurden viele keltische Trassen von den Römern übernommen und teilweise noch im Mittelalter genutzt.
Für die Archäologie ist das zugleich Chance und Herausforderung. Die spätere Nutzung erhält eine Trasse im Bewusstsein der Landschaft, zugleich überlagern sich jedoch die verschiedenen Nutzungsphasen. Reparaturen, Nachschotterungen und Umbauten vermischen Material unterschiedlicher Zeitstellungen.
Ein Weg ist deshalb selten „rein keltisch“ oder „rein römisch“. Er ist ein vielschichtiges Archiv im Boden. Gerade diese Überlagerung macht Straßen schwer fassbar – und zugleich besonders aussagekräftig. Sie zeigen nicht nur eine Epoche, sondern Kontinuität. Blickt man heute auf die Albhochfläche, sieht man möglicherweise Linien, die seit über 3.000 Jahren begangen werden.

Die Römer bauen das Wegenetz aus

Die Römer übernahmen viele bestehende Handelswege und bauten sie zu befestigten Straßen aus. Mit Schotterunterbau, Pflaster oder Steinplatten entstanden dauerhaft nutzbare Verkehrswege, die Verwaltung, Militär und Handel miteinander verbanden.
Straßenverzeichnisse – sogenannte Itinerarien – dokumentierten Entfernungen und Reiserouten. Die berühmte Tabula Peutingeriana gilt als Abschrift einer spätantiken Straßenkarte und vermittelt einen Eindruck vom weit verzweigten Verkehrsnetz des Römischen Reiches.
Die römischen Straßen entstanden daher nicht überall vollständig neu. Häufig folgten sie bereits vorhandenen Verkehrsachsen, die sich an den natürlichen Gegebenheiten des Geländes orientierten.

Heidengraben – ein Knotenpunkt?

Wie genau die Handelswege rund um das Oppidum Heidengraben verliefen, ist bislang nicht abschließend geklärt. Nach heutigem Forschungsstand dürften jedoch natürliche Verkehrsachsen entlang von Neckar und Donau sowie Übergänge über die Schwäbische Alb eine bedeutende Rolle gespielt haben. Möglicherweise führte eine wichtige Route über das Gebiet des heutigen Römerstein und Grabenstetten zum Oppidum.
Die Lage der Tore, die natürlichen Albaufstiege und die Verbindungen zu den großen Flusssystemen sprechen dafür, dass der Heidengraben ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt war. Hier trafen lokale Wege auf überregionale Fernrouten.
Handelswege waren die Lebensadern der antiken Welt. Sie ermöglichten nicht nur den Austausch von Waren, sondern auch von Ideen, Technologien und kulturellen Einflüssen. Wo sich Wege kreuzten, entstanden wirtschaftliche Zentren – verloren sie ihre Verkehrsverbindungen, verloren sie oft auch ihre Bedeutung.

Was wir sehen – und was nicht

Straßen sind archäologisch schwer fassbar. Anders als Mauern bleiben sie selten als durchgehende Strukturen erhalten. Oft erscheinen sie nur als Schotterlagen, Verdichtungen oder Spurrinnen im Bodenprofil.
Mithilfe moderner Laserscans aus der Luft, des sogenannten Airborne Laser Scanning oder LiDAR, können besonders in Waldgebieten noch heute alte Hohlwege und lineare Geländestrukturen erkannt werden. Ergänzend helfen geomagnetische Prospektionen, archäologische Funde, Gräberfelder und die Lage ehemaliger Siedlungen sowie Bergbau- und Salzgewinnungsplätze dabei, den Verlauf prähistorischer Wege zu rekonstruieren.
Vieles, was wir über das Wegenetz wissen, ist das Ergebnis dieser Kombination aus Ausgrabung, Fundauswertung und digitaler Landschaftsanalyse.


Weitere Bildnachweise

Headerbild:

Galerie 1: 

  • Altweg vor der Via Claudia: 2018, Thalmair, M.: Älter als die Via Claudia - der Keltenweg, Raeterweg und Römerweg auf der Schwangauer Seite des Lech
  • Verkehrswege Nordtirol: 2018, Kirchmayr, M.: Prähistorische Wege und Verkehrsverbindungen
  • Harl, O.: Hochtor und Glocknerroute, Ein hochalpines Passheiligtum und 2000 Jahre Kulturtransfer zwischen Mittelmeer und Mitteleuropa, aus: Österreichisches Archäologisches Institut, Sonderschriften Band 50, S.133

Galerie 2:

Einzelbild:

  • Brughmans, Tom; de Soto Cañamares, Pau; Pažout, Adam; Bjerregaard Vahlstrup, Philip: „Itiner-e – The Digital Atlas of Ancient Roads“, Kartenausschnitt der Route Stuttgart–Arae Flaviae mit Grinario, Clarenna und dem Heidengraben, Lizenz: CC BY 4.0 (Quelle: Itiner-e), Änderungen: Kartenausschnitt/Screenshot.

Vernetzen auch Sie sich mit Kultur, Zukunft und einer ganzen Region - hier mit Ihrem Logo!