Fäden,
Farben,
Fachwissen
Textilien begleiteten die Menschen der Keltenzeit durch fast alle Lebensbereiche – als Kleidung, Decken, Säcke oder wertvolle Handelsware. Ihre Herstellung war aufwendig und verlangte großes handwerkliches Können: Fasern mussten aufbereitet, Garne gesponnen, Stoffe gewebt und Farben haltbar gemacht werden. Textilhandwerk war daher kein Nebenerwerb, sondern eine anspruchsvolle und bedeutende Tätigkeit.
Vom Rohstoff zum fertigen Stoff
Ein wichtiger Rohstoff war Wolle. Schafe lieferten nicht nur Fleisch, Milch und Felle, sondern auch Fasern, die zu wärmenden und strapazierfähigen Stoffen verarbeitet werden konnten. Daneben kamen pflanzliche Fasern infrage, vor allem Flachs. Ihre Verarbeitung war aufwendig: Die Pflanzen mussten geerntet, getrocknet, geröstet, gebrochen und gehechelt werden, bevor sich die feinen Fasern verspinnen ließen.
Auch Wolle war nicht sofort gebrauchsfertig. Nach dem Scheren oder Auszupfen wurde sie gereinigt, sortiert und für das Spinnen vorbereitet. Erst dann konnte aus den lockeren Fasern ein belastbarer Faden entstehen. Unterschiedlich aufbereitete Fasern und verschiedene Spinntechniken ermöglichten gröbere Garne für robuste Gebrauchstextilien ebenso wie feinere Fäden für hochwertige Gewebe.
Ein kleines Werkzeug mit großer Wirkung
Gesponnen wurde in der Regel mit einer Handspindel. An ihrem unteren Ende saß ein Spinnwirtel aus Ton, Stein oder einer durchbohrten Keramikscherbe. Dieses kleine Gewicht hielt die Spindel in Schwung und sorgte dafür, dass sich die Fasern gleichmäßig zu einem Faden verdrehten.
Für Archäologinnen und Archäologen sind Spinnwirtel besonders wichtig. Die hölzernen Spindeln sind meist längst vergangen, die Wirtel können jedoch im Boden erhalten bleiben. Ihre Form und ihr Gewicht geben sogar Hinweise darauf, welche Arten von Garn möglicherweise hergestellt wurden.
In der späten Latènezeit wurden Spinnwirtel häufig auf einfache und zweckmäßige Weise gefertigt. Man schliff eine alte Gefäßscherbe annähernd rund und versah sie mit einer Bohrung. Darin zeigt sich keine mangelnde Kunstfertigkeit, sondern ein überlegter Umgang mit Material: Ein nicht mehr verwendbares Gefäß wurde zu einem funktionierenden Werkzeug.
Weben mit Gewicht und Geschick
Nach dem Spinnen wurde das Garn zu Stoff verarbeitet. Einer der wichtigsten Webstuhltypen der Eisenzeit war der senkrechte Gewichtswebstuhl. Dabei hing die entstehende Stoffbahn an einem aufrecht stehenden Holzrahmen. Ton- oder Steingewichte hielten die senkrechten Kettfäden unter gleichmäßiger Spannung.
Das Weben erforderte hohe Konzentration. Die Spannung der Fäden musste stimmen, Fehler mussten früh erkannt und Muster sorgfältig geplant werden. Schon die Herstellung einer größeren einfachen Stoffbahn konnte weit mehr als hundert Arbeitsstunden beanspruchen. Aufwendigere Bindungen, Muster oder farbige Verzierungen erhöhten den Aufwand zusätzlich.
Farben gegen das Klischee
Keltische Kleidung muss keineswegs eintönig braun oder grau gewesen sein. Natürlich konnten ungefärbte Wollstoffe die weißen, grauen, braunen oder dunklen Farbtöne der jeweiligen Schafrasse zeigen. Daneben beherrschten eisenzeitliche Handwerkerinnen und Handwerker jedoch verschiedene Färbeverfahren.
Streifen, Karos und feine Muster
Erhaltene Textilien zeigen eine bemerkenswerte technische Vielfalt. Neben einfachen Geweben in Leinwandbindung kannten die Menschen unterschiedliche Köperbindungen, Fischgrat- und Zickzackmuster sowie verzierte Kanten und Bänder. Auch Streifen und karierte Muster sind archäologisch nachgewiesen.
In der Spätlatènezeit scheinen vielerorts zweckmäßige und vergleichsweise standardisierte Gewebe an Bedeutung gewonnen zu haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass ihre Qualität gering war. Gleichmäßige Fäden, eine regelmäßige Webstruktur und ein dichtes, belastbares Gewebe setzen eine sichere Beherrschung des Handwerks voraus. Standardisierung kann vielmehr darauf hindeuten, dass Textilien gezielt und in größeren Mengen hergestellt wurden.
Was Griechen und Römer beobachteten
Antike Autoren berichten von farbenfroher und auffällig gemusterter keltischer Kleidung. Diodor erwähnt verzierte Oberteile, Hosen sowie gestreifte und karierte Mäntel.
Strabon beschreibt das sagum, einen schweren gallischen Wollmantel, der in großen Mengen nach Italien gehandelt wurde. Livius berichtet zudem, dass keltische Gruppen Hannibals Heer mit warmer Kleidung versorgten. Solche Nachrichten zeigen, dass keltische Textilien geschätzt wurden und ihre Herstellung weit über den Eigenbedarf hinausreichen konnte.
Handwerk für Haushalt und Markt
Wo und in welchem Umfang Textilien produziert wurden, ist nicht immer eindeutig festzustellen. Ein Teil der Arbeiten dürfte in den Haushalten stattgefunden haben. Spinnen ließ sich mit einer Handspindel an vielen Orten ausüben, während größere Webstühle einen festen Arbeitsplatz benötigten.
In bedeutenden Siedlungen konnten Herstellungsschritte jedoch arbeitsteilig organisiert sein. Manche Menschen waren möglicherweise besonders auf das Spinnen, Weben, Färben oder Nähen spezialisiert. Denkbar ist auch, dass Rohwolle und Garne aus dem Umland in zentrale Siedlungen gelangten, dort weiterverarbeitet, gehandelt oder verteilt wurden.
Textilhandwerk verband damit Landwirtschaft, Tierhaltung, handwerkliche Spezialisierung und Fernhandel. Es gehörte zur wirtschaftlichen Grundlage einer Gemeinschaft – ähnlich wie Metallverarbeitung, Töpferei oder die Herstellung von Schmuck und Werkzeugen.
Und am Heidengraben?
Für den Heidengraben ist die unmittelbare archäologische Beweislage bislang erstaunlich schmal. Sicher in die jüngere Latènezeit datiert werden konnte bisher nur ein Spinnwirtel; Webgewichte sind aus dem spätkeltischen Siedlungskontext bislang nicht bekannt. Eine ausgegrabene Webwerkstatt oder ein eigenes Textilviertel lässt sich deshalb derzeit nicht nachweisen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen hier keine Stoffe herstellten. Textilien und hölzerne Webstühle vergehen unter den Bodenbedingungen der Schwäbischen Alb meist vollständig. Zudem wurde bislang nur ein äußerst kleiner Teil des riesigen Oppidums archäologisch untersucht. Was wir heute kennen, ist daher nur ein winziger Ausschnitt des ehemaligen Siedlungslebens.
Weitere Bildnachweise:
Einzelbild Flachs:
- Naturpuur: „Flachs als natürlicher Rohstoff, Flachsfaser und verarbeitetes Garn“, 2022, eigenes Werk, Lizenz: CC BY 4.0 (Quelle: Wikimedia Commons), Änderungen: keine.
Galerie zu Spindel:
- Lunagrouh: „Holzspindel mit naturgrauer Wolle“, 2026, eigenes Werk, Lizenz: CC BY-SA 4.0 (Quelle: Wikimedia Commons), Änderungen: keine.
- Peter van der Sluijs: „Spinnwirtel aus Knochen, Afrika“, 2014, eigenes Werk, Lizenz: CC BY-SA 3.0 (Quelle: Wikimedia Commons), Änderungen: keine.
Galerie zu Webstuhl:
- The Metropolitan Museum of Art: „Frauen bei der Textilherstellung an einem Gewichtswebstuhl“, Ausschnitt einer attischen, schwarzfigurigen Lekythos, dem Amasis-Maler zugeschrieben, ca. 550–530 v. Chr., Lizenz: CC0 1.0 / Public Domain (Quelle: Wikimedia Commons; Original: The Metropolitan Museum of Art), Änderungen: keine.
- Ludek: „Rekonstruierter Gewichtswebstuhl in einer Hütte des Archäologischen Reservats Biskupin“, eigenes Werk, Lizenz: CC BY-SA 3.0 (Quelle: Wikimedia Commons), Änderungen: keine.
Galerie zu Webmuster:
- Bullenwächter (Andreas Franzkowiak): „Wollener Diamantköper mit Webkante, roten Kettfäden und blauen Schussfäden“, 2012, eigenes Werk, Bildausschnitt erstellt 2017, Lizenz: CC BY-SA 3.0 (Quelle: Wikimedia Commons), Änderungen durch uns: keine.
- Thermos: „Stoff mit Fischgrätmuster“, 2006, eigenes Werk zugeschrieben, Lizenz: CC BY-SA 2.5 (Quelle: Wikimedia Commons), Änderungen: keine.
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