Zwischen Wald
und Garten
– Pflanzennutzung
in der keltischen Welt
Pflanzen begleiteten den Menschen in antiker Zeit nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens. Holz wurde für Häuser, Werkzeuge und Wagen benötigt, Flachs lieferte Fasern für Leinenstoffe, aus Pflanzen gewann man Farbstoffe für Textilien und vermutlich auch Gewürze oder Duftstoffe - wie auch immer diese aussahen oder genutzt wurden. Wildfrüchte, Nüsse und zahlreiche Kräuter ergänzten den Speiseplan.
Was wissen wir eigentlich?
Die Kelten selbst hinterließen kaum schriftliche Zeugnisse. Unser Wissen stammt deshalb aus ganz unterschiedlichen Quellen: aus archäologischen Ausgrabungen, aus der Archäobotanik – der Untersuchung von Samen, Früchten, Pollen oder Holzkohle – und aus Berichten griechischer und römischer Autoren.
Gerade Kräuter und Heilpflanzen stellen die Forschung jedoch vor besondere Herausforderungen. Während Getreidekörner oder verkohlte Nüsse häufig erhalten bleiben, verrotten Blätter, Blüten und Wurzeln meist vollständig. Deshalb kennen wir vom Heidengraben keine vollständige „keltische Kräuterliste“ - vieles was wir heute als uraltes Wissen wahrnehmen, stammt dagegen aus der gut dokumentierten klösterlichen Kultur des Mittelalters. Die Keltenzeit lässt sich nur aus vergleichbaren Fundorten und späteren schriftlichen Quellen erschließen.
Pflanzenfarben in der keltischen Latène-Zeit
Die Kelten der Latène-Zeit trugen keineswegs ausschließlich naturfarbene Kleidung. Archäologische Untersuchungen hervorragend erhaltener Textilien – insbesondere aus den Salzbergwerken von Hallstatt – zeigen, dass bereits in der Eisenzeit eine erstaunlich entwickelte Färbekunst existierte. Mit heimischen Pflanzen wie Färberwaid (Isatis tinctoria) für Blau, Färberwau (Reseda luteola) für leuchtendes Gelb und Labkraut (Galium spp.) für Rot entstanden kräftige und langlebige Farben. Auch Grün wurde gezielt erzeugt, indem ein mit Waid blau gefärbter Stoff anschließend gelb überfärbt wurde. Die Herstellung dieser Farbtöne erforderte umfangreiches Wissen über Gärung, Beizmittel und Pflanzenchemie und war entsprechend aufwendig. Farben waren daher nicht nur dekorativ, sondern konnten auch den sozialen Status oder den Wohlstand ihrer Träger widerspiegeln. Die Funde aus Hallstatt belegen eindrucksvoll, dass das Wissen um Pflanzenfarben bereits lange vor der Römerzeit ein fester Bestandteil des keltischen Handwerks war.
Druiden und Quellenkritik
Wenn heute von den Kelten die Rede ist, erscheint oft das Bild eines Druiden, der mit einer goldenen Sichel eine Mistel von einer mächtigen Eiche schneidet. Kaum eine Vorstellung prägt unser Bild der keltischen Religion so sehr – und doch stammt sie nicht von den Kelten selbst.
Unser Wissen über die Druiden verdanken wir fast ausschließlich griechischen und römischen Schriftstellern. Sie beschrieben die Kelten aus ihrer eigenen Perspektive und oft mit einer Mischung aus Bewunderung und Fremdheit. Deshalb müssen ihre Berichte immer kritisch gelesen werden.
Julius Caesar schildert die Druiden als Richter, Lehrer und Gelehrte. Auch Strabon und Diodor sehen in ihnen Philosophen und Kenner der Natur. Offenbar bewahrten sie Wissen über Recht, Religion und den Lauf der Gestirne. Dieses Bild passt erstaunlich gut zum berühmten Kalender von Coligny, der zeigt, dass die Festlandkelten ein hochentwickeltes lunisolares Kalendersystem besaßen. Mondphasen strukturierten Monate, Jahreszeiten und vermutlich auch religiöse Feste.
Besonders eindrucksvoll beschreibt der römische Naturforscher Plinius der Ältere ein Ritual, bei dem Druiden Misteln von Eichen schneiden. Nach seiner Schilderung galt die Mistel als heilige Pflanze, deren Kräfte Fruchtbarkeit fördern und gegen Gifte helfen sollten. Gleichzeitig hebt Plinius hervor, dass das Ritual nach einer genauen Beobachtung des Mondes durchgeführt wurde. Ob dieses Ritual tatsächlich am Heidengraben oder überhaupt im gesamten keltischen Raum praktiziert wurde, lässt sich heute jedoch nicht nachweisen.
Auch der Dichter Lucan berichtet von heiligen Hainen, in denen Druiden ihre Rituale vollzogen. Seine Schilderung ist geheimnisvoll und düster: uralte Wälder, gewaltige Bäume und ehrfurchtgebietende Kultorte. Wahrscheinlich wollte Lucan damit vor allem die Fremdartigkeit der Kelten betonen. Dennoch deutet seine Beschreibung darauf hin, dass Wälder und einzelne Bäume in der religiösen Vorstellungswelt eine besondere Rolle gespielt haben könnten. Archäologisch lassen sich solche Kultplätze jedoch nur selten eindeutig nachweisen. Gerade deshalb ist es wichtig, literarische Quellen und archäologische Befunde gemeinsam zu betrachten.
Heilen mit Pflanzen
Ob die Menschen am Heidengraben Heilpflanzen nutzten, ist kaum zu bezweifeln. Welche Arten dabei eine Rolle spielten, lässt sich dagegen nur selten sicher bestimmen.
Pflanzen wie Schafgarbe, Beifuß, Spitzwegerich, Holunder oder Wacholder wachsen bis heute auf der Schwäbischen Alb und sind seit der Antike wegen ihrer vielfältigen Eigenschaften bekannt. Wahrscheinlich dienten viele Pflanzen zugleich als Nahrung, Gewürz, Färbemittel oder Hausmittel. Die Grenzen zwischen Ernährung, Heilkunde und Handwerk waren fließend. Eine Pflanze konnte mehrere Aufgaben erfüllen – genau diese Vielseitigkeit dürfte ihren Wert ausgemacht haben.
Ein Blick über die Kelten hinaus
Mit dem Ende des Oppidums veränderte sich auch die Nutzung der Landschaft. Während der Römerzeit gelangten neue Kulturpflanzen, Gewürze und schriftlich überlieferte Heilpflanzenkunde nach Südwestdeutschland. Autoren wie Plinius oder Dioskurides beschrieben Pflanzen nun systematisch und hielten ihr Wissen schriftlich fest.
Im frühen Mittelalter entstanden schließlich Klostergärten, in denen Heil- und Küchenkräuter gezielt angebaut wurden. Ob dabei älteres Wissen aus keltischer Zeit weiterlebte, lässt sich heute kaum belegen. Sicher ist jedoch, dass die enge Beziehung zwischen Mensch und Pflanze über alle Epochen hinweg bestehen blieb.