Die keltische
Speisekammer
Was stand vor mehr als 2.000 Jahren auf dem Tisch der Menschen im süddeutschen Raum? Anders als heute war die Auswahl an Lebensmitteln begrenzt und hing stark von Jahreszeit, Klima und den natürlichen Bedingungen der jeweiligen Landschaft ab.
Der griechische Gelehrte Poseidonios, der um 100 v. Chr. die keltische Welt beschrieb, berichtet von gemeinsamen Mahlzeiten an langen Holztischen. Fleisch wurde über dem Feuer zubereitet und zusammen mit Brot gegessen. Er schildert die Kelten als gesellige Gastgeber, die ihre Speisen mit großem Appetit genossen.
Doch der Alltag der meisten Menschen bestand nicht nur aus Fleischmahlzeiten. Die Grundlage der Ernährung bildeten vor allem pflanzliche Lebensmittel. Getreide, Hülsenfrüchte, Ölpflanzen, Wildfrüchte und gesammelte Pflanzen lieferten wichtige Nährstoffe und sicherten die Versorgung über das ganze Jahr.
Welche Pflanzen angebaut und genutzt wurden, lässt sich heute mit Hilfe der Archäobotanik rekonstruieren. Verkohlte Körner, Samen, Fruchtreste und Spelzen, die in Siedlungen und Vorratsgruben erhalten geblieben sind, geben Einblick in die Landwirtschaft und Ernährung vergangener Zeiten. Ergänzt werden diese Untersuchungen durch Erkenntnisse aus Ethnographie, Lebensmitteltechnologie und Archäologie.
Jedes Korn erzählt eine Geschichte
Bereits vor ca. 32.000 Jahren wurde im Nahen Osten, Geburtsstätte unserer heutigen Getreidearten, Wildgetreide, zur Familie der Süßgräser gehörend, als Nahrungsmittel genutzt, welches durch Migrationsbewegungen der Menschen nach Mitteleuropa gelangte.
Als die Menschen sesshaft wurden, veränderte sich ihre Lebensweise grundlegend. Aus Jägern und Sammlern wurden Bauern, die ihre Nahrung zunehmend selbst erzeugten. Zu den ältesten Kulturpflanzen Mitteleuropas gehörten Einkorn (Triticum monococcum) und Emmer (Triticum dicoccum). Diese Urgetreide bildeten seit der Jungsteinzeit die Grundlage der bäuerlichen Ernährung.
Im Laufe der Bronze- und Eisenzeit veränderte sich die Zusammensetzung der angebauten Pflanzen. Neben Emmer und Spelzgerste (Hordeum vulgare, ssp. vulgare) gewann besonders der Dinkel (Triticum spelta) an Bedeutung. Seine Anspruchslosigkeit und Widerstandsfähigkeit machten ihn zu einem wichtigen Getreide der Menschen im süddeutschen Raum.
Die Felder der Kelten
Während der Latènezeit (ca. 450–15 v. Chr.) prägte die Landwirtschaft den Alltag der keltischen Gesellschaft. Auf den Feldern wuchsen vor allem Dinkel, daneben aber auch Spelzgerste, Emmer und je nach Region Hirse. Hülsenfrüchte wie Erbsen, Ackerbohnen und Linsen ergänzten die Ernährung mit wertvollen Nährstoffen. Ölpflanzen wie Leindotter lieferten Öl und weitere wichtige Rohstoffe.
Die keltische Ernährung war jedoch nicht allein vom Acker abhängig. Wildkräuter, Beeren, Obst und Nüsse aus der näheren Umgebung ergänzten den Speiseplan und erweiterten die Vielfalt der Nahrung.
Dinkel – das Brotgetreide der Kelten
Kein anderes Getreide prägte die Landwirtschaft der Kelten im süddeutschen Raum so stark wie der Dinkel. Während der vorrömischen Eisenzeit erreichte er seine größte Verbreitung und blieb über Jahrhunderte ein wichtiges Brotgetreide.
Eine besondere Form der Dinkelverarbeitung ist der Grünkern. Dafür wird der Dinkel vor der vollständigen Reife geerntet und anschließend über Buchenholzfeuer gedarrt. Archäologische Untersuchungen einer keltischen Siedlung der frühen Latènezeit bei Vaihingen an der Enz belegen, dass diese besondere Verarbeitung bereits vor mehr als 2.300 Jahren bekannt war.
Spelzgerste – Grundlage für keltisches Bier
Spelzgerste wurde bereits zur Fürstenzeit in Hochdorf angebaut und zur Herstellung von Bier verwendet, das teilweise als Korma oder Curma bezeichnet wurde. In den späteisenzeitlichen Siedlungen nahm sie eine ähnlich bedeutende Stellung ein wie der Dinkel.
Zur Herstellung von Gerstenmehl für Fladenbrot müssen die harten Körner im trockenen Zustand mit einer Steinmühle vermahlen werden. Durch das Einweichen in Wasser lassen sich die Spelzen zwar leicht entfernen, die Körner sind anschließend jedoch nicht mehr zum Mahlen geeignet. Sie werden stattdessen zu einem nahrhaften Brei verarbeitet oder als Graupen in Eintöpfen verwendet.
Roggen und Hafer – als Getreideunkraut in der Latènezeit
Während der Latènezeit spielten Roggen und Hafer als Kulturpflanzen noch keine bedeutende Rolle. Vermutlich wurden sie lediglich als Getreideunkräuter zusammen mit den angebauten Getreidearten geerntet. Insbesondere der Unkrautroggen erwies sich in Regionen mit für Gerste und Weizen ungünstigen klimatischen Bedingungen als konkurrenzfähiger. Auch in besonders kalten, feuchten oder trockenen Jahren konnte er sich derart stark ausbreiten, dass er einen erheblichen Anteil des Feldbestandes einnahm.
Vom Korn zum Alltag
Die Menschen der Eisenzeit nutzten ihre Getreide auf vielfältige Weise. Aus gemahlenem Korn entstanden Breie und Fladenbrote. Gerste diente nicht nur der Ernährung, sondern auch der Herstellung von Bier. Hirse lieferte ein schnell wachsendes Sommergetreide, während Hülsenfrüchte und gesammelte Wildpflanzen den Speiseplan ergänzten.
Es zeigt aber einmal mehr, dass es Parallelen zwischen den Reaktionen der Menschen in der Antike auf klimatische Bedrohungen gab. Heutige Versuche, landwirtschaftliche Anbaumethoden an veränderte Klimabedingungen anzupassen unterstreichen, welche frühere landwirtschaftliche Praktiken für die Bewältigung heutiger Herausforderungen Relevanz haben könnten.
Verkohlte Körner, Samen und Pflanzenreste aus archäologischen Ausgrabungen geben heute Einblick in diese längst vergangene Welt. Sie zeigen, welche Pflanzen angebaut, verarbeitet und gegessen wurden – und erzählen damit Geschichten über den Alltag der Menschen vor mehr als 2.000 Jahren.
Weitere Bildnachweise:
Headerbild:
- Kirsten Brockhoff
Galerie:
- Die Geschichte des Weizens: Initiative Urgetreide e. V., https://www.teigwelt.de/urgetreide/
- Familie der Süssgräser: 2010, Breuer, M.: Analytische Erkennung von Weizenunterarten nach Rimbach (Masterarbeit), https://www.mein-mehl.de/getreide/getreidearten
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