Pferde in der Spätlatènezeit
In der Spätlatènezeit des 2. und 1. Jahrhunderts v. Chr. gehörte das Pferd nicht nur zur alltäglichen Wirtschaftsweise, sondern auch zur Welt von Prestige, Mobilität und symbolischer Repräsentation. Gerade in den Oppida, den großen befestigten Zentralorten dieser Zeit, lässt sich diese doppelte Rolle besonders gut beobachten.
Zwischen Arbeitstier, Statussymbol und Ritualobjekt
Aus archäologischer Sicht ist die Datenlage uneinheitlich. Während für einige Fundorte umfangreiche naturwissenschaftliche Analysen vorliegen, ist die Forschung zu Pferden am Heidengraben bislang lückenhaft. Das Fehlen von Knochenfunden dürfte dabei weniger auf ihre tatsächliche Abwesenheit zurückzuführen sein als auf ungünstige Erhaltungsbedingungen in den flachgründigen, stark durchlüfteten Böden der Schwäbische Alb und ist daher nur eingeschränkt interpretierbar. Das heißt nicht, dass Pferde dort unwichtig gewesen wären; vielmehr fehlt bislang noch die publizierte Serie an Knochenfunden, Isotopenwerten oder genetischen Daten, um ihre Rolle im Detail zu rekonstruieren.
Das Pferd als Nutztier
Die anderen archäozoologischen Befunde sprechen insgesamt dafür, dass Pferde in spätlatènezeitlichen Siedlungen vor allem Nutztiere waren. Sie dienten dem Reiten, dem Ziehen von Wagen und vermutlich auch dem regionalen und überregionalen Transport. Gerade in Zentren mit Handwerk, Handel und Versorgungssystemen war Mobilität ein wirtschaftlicher Schlüssel. Das bedeutet nicht, dass ausschließlich Pferde eingesetzt wurden – auch Rinder kamen als Zugtiere in Frage –, aber das Pferd war für schnelle Bewegung und repräsentative Fortbewegung besonders geeignet.
In Dürrnberg bei Hallein zeigt das spätlatènezeitliche Fundmaterial, dass Pferdeknochen zahlenmäßig selten sind, also deutlich hinter Rind, Schwein oder Schaf/Ziege zurücktreten. Das passt gut zu einer Nutzung als wertvolles Arbeits- und Transporttier. Zugleich belegen Hack- und Schnittspuren an den Knochen, dass Pferde auch geschlachtet und verzehrt wurden. Pferdefleisch war also vorhanden, aber offenbar nicht die Hauptfunktion der Tierhaltung.
Auch die Körpergröße dieser Tiere ist aufschlussreich. Die am Dürrnberg rekonstruierten Widerristhöhen liegen bei etwa 125 bis 131 cm. Diese Pferde waren damit deutlich kleiner als viele spätere römische Tiere, aber keineswegs „schlecht“. Für das Gelände, für kurze bis mittlere Distanzen und für robuste Nutzung konnten solche Tiere ausgesprochen funktional sein.
Pferdezucht: was man wirklich sagen kann
Über Pferdezucht bei den Kelten sollte man vorsichtig sprechen. Archäologisch lässt sich Zucht selten direkt beobachten. Man erkennt eher indirekte Hinweise: Größe, Alter bei der Schlachtung, Geschlechterprofile, Herkunft und genetische Linien. Für das nördliche Alpenvorland zeigen neuere aDNA- und morphologische Studien, dass spät-eisenzeitliche Pferde eine andere Population darstellen als die späteren römischen Tiere. Römische Pferde waren im Mittel größer und zeigen teils externe mütterliche Linien, also einen Import oder gezielten Transfer von Tieren.
Besonders wichtig ist dabei ein negativer Befund: Maultiere lassen sich in den untersuchten spätlatènezeitlichen Beständen bislang nicht robust nachweisen, während sie in römischer Zeit nördlich der Alpen deutlich häufiger auftreten. Das spricht dafür, dass bestimmte Formen organisierter Transport- und Lasttierhaltung – jedenfalls in der nachweisbaren Form – eher mit der römischen Welt verbunden sind als mit der vorausgehenden spätkeltischen.
Für die keltische Spätlatènezeit ergibt sich daher ein vorsichtiges Fazit: Es gab sicher Pferdehaltung und wohl auch bewusste Auswahl geeigneter Tiere, aber eine hochgradig standardisierte, großräumig gesteuerte Zucht nach römischem Muster ist bislang nicht nachweisbar (vgl auch Strabon, Geographika).
Das Pferd als Luxus- und Statusobjekt
Neben seiner praktischen Rolle war das Pferd auch ein Statussymbol. Wer Pferde halten, ausrüsten und einsetzen konnte, demonstrierte Zugang zu Ressourcen, Mobilität und sozialem Rang. Das gilt besonders dort, wo Pferdeausstattung in ungewöhnlichen oder aufwendig gestalteten Kontexten erscheint.
Ein besonders sprechendes Beispiel bietet Basel-Gasfabrik. Dort wurde eine spätlatènezeitliche Deponierung mit Pferdezaumzeug zusammen mit hochwertigen Import- und Prestigeobjekten beschrieben, darunter Metallgefäße und kostbares Geschirr. In einem solchen Zusammenhang ist das Pferd nicht mehr bloß Teil des Alltags, sondern Teil einer bewusst inszenierten, wohl rituellen Aussage.
Auch aus Manching kennt man mit dem sogenannten „eisernen Ross“ ein Objekt, das zeigt, dass das Pferd in der Bild- und Vorstellungswelt spätkeltischer Zentralorte präsent war. Solche Stücke beweisen keine Reitpferdezucht, aber sie zeigen, dass das Pferd symbolisch aufgeladen war und über seinen bloßen Gebrauchswert hinaus Bedeutung besaß.
Der Heidengraben: besonders interessant, aber noch nicht vollständig erschlossen
Für den Heidengraben ist diese doppelte Rolle des Pferdes vor allem indirekt zu greifen. Die Anlage gehört mit rund 1.800 Hektar Gesamtfläche zu den größten keltischen Oppida Europas und war im 2. bis 1. Jahrhundert v. Chr. ein bedeutendes politisches, wirtschaftliches und wohl auch religiöses Zentrum. In einem solchen Siedlungssystem ist die Nutzung von Pferden für Verkehr, Repräsentation und kontrollierte Mobilität sehr plausibel.
Der wichtigste konkrete Fund in diesem Zusammenhang ist der berühmte Achsnagel vom Heidengraben: ein technisches Wagenteil aus Eisen mit bronzener figürlicher Gestaltung, das als apotropäisch, also schutzstiftend, interpretiert wird. Gerade dieser Fund zeigt eindrucksvoll, dass Wagen- und damit indirekt auch Pferdetechnik in der Oppidakultur mehr war als reine Funktion. Technik, Status und symbolische Aufladung gingen offenbar Hand in Hand.
Zugleich muss man wissenschaftlich sauber festhalten: Für den Heidengraben fehlen bislang publizierte Serien zu Pferdeknochen, Schlachtspuren, Pathologien oder Isotopenwerten. Aussagen zur lokalen Pferdezucht oder zur genauen wirtschaftlichen Nutzung bleiben deshalb vorläufig.
Weitere Bildnachweise:
Headerbild:
- Benjamin Lamure: „Hiking Mountain Pays Basque“, Lizenz: CC0 1.0 Universal / Public Domain (Quelle: Wikimedia Commons), Änderungen: keine.
Galerie:
- Antxon Gomez, „Pottokak Pagoetako parke naturalean“, 2007, Lizenz: CC BY-SA 3.0 Unported (Quelle: Wikimedia Commons), Änderungen: keine.