Schlafen wie
ein Keltenfürst?
Jeder Mensch verbringt etwa ein Drittel seines Lebens schlafend. Doch was ein guter Schlafplatz ist, war in verschiedenen Kulturen und Epochen sehr unterschiedlich. Schon in der Antike galt der Schlaf als enger Verwandter des Todes – in der griechischen Mythologie sind Hypnos (Schlaf) und Thanatos (Tod) Brüder. Über den Alltag der Menschen wissen wir jedoch meist deutlich weniger als über ihre Waffen oder ihren Schmuck. Das gilt auch für die Kelten.
Wie die Bewohner des Heidengrabens tatsächlich schliefen, lässt sich heute nicht mit letzter Sicherheit sagen. Holz, Stroh, Felle oder Wolldecken vergehen im Boden meist vollständig. Betten aus der Eisenzeit sind deshalb außerordentlich selten erhalten geblieben. Dennoch lassen sich aus archäologischen Funden und antiken Berichten einige erstaunlich konkrete Rückschlüsse ziehen.
Einfach oder bequem?
Für den Heidengraben selbst gibt es bislang keine nachgewiesenen Schlafplätze. Die Elsachstadt wurde nur in kleinen Bereichen ausgegraben, organische Funde werden kaum gemacht, sodass die Inneneinrichtung der Häuser direkt vor Ort weitgehend unbekannt bleibt. Vergleichbare Siedlungen, etwa am Dürrnberg bei Hallein, zeigen jedoch Häuser mit Holz- oder Lehmböden und teilweise mehreren Räumen. Feste Betten oder Schlafpodeste sind dort allerdings auch nicht erhalten geblieben.
Griechische und römische Autoren beschreiben die Kelten als Menschen, die meist auf bodennahen Lagern aus Stroh oder Laub schliefen. Strabon berichtet, viele würden auf dem Boden ruhen und sogar ihre Mahlzeiten auf Strohlagern einnehmen. Athenaeus erwähnt ähnliche Sitzgelegenheiten, legt die Worte Poseidonios in den Mund.
Solche Berichte stammen zwar aus der Sicht fremder Beobachter und sollten daher kritisch gelesen werden. Dennoch passen sie gut zu den archäologischen Befunden, denn genau solche organischen Materialien überdauern die Jahrtausende kaum.Wahrscheinlich lagen auf den Schlafplätzen zusätzlich Felle, Wolldecken oder gewebte Matten. Gerade die keltischen Textilien waren von hoher Qualität und konnten durchaus für angenehmen Schlafkomfort sorgen.
Gastfreundschaft?
Antike Autoren schildern außerdem ungewöhnliche Formen der Gastfreundschaft. Diodor berichtet, dass Männer bei Gelagen gemeinsam auf Tierfellen lagen und teilweise männliche Gefährten bevorzugten. Ob diese Schilderung tatsächliche soziale Praktiken beschreibt oder eher die griechisch-römische Vorstellung von den „barbarischen" Kelten widerspiegelt, ist in der Forschung umstritten. Sie zeigt vor allem, wie fremdartig die keltische Gesellschaft antiken Beobachtern erschien.
Vornehme Ruheplätze
Dass nicht alle Kelten gleich schliefen, zeigt das berühmte Fürstengrab von Hochdorf aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Dort lag der Verstorbene auf einer reich verzierten bronzenen Liege. Archäologische Untersuchungen konnten sogar Reste einer gepolsterten Matratze oder Unterlage und eines Kopfkissens aus Hanfbastgewebe nachweisen. Gefüllt waren sie unter anderem mit Tierhaaren und pflanzlichem Material.
Dieses außergewöhnliche Grab gehört zwar einer wohlhabenden Elite an und entstand mehrere Jahrhunderte vor dem Heidengraben. Es zeigt jedoch eindrucksvoll, dass aufwendig gepolsterte Liegen und hochwertiges Bettzeug in der keltischen Welt durchaus bekannt waren – allerdings wohl nur wenigen Menschen zur Verfügung standen.
Was wissen wir wirklich?
Die wahrscheinlichste Rekonstruktion lautet daher: Die meisten Bewohner des Heidengrabens schliefen auf einfachen, bodennahen Lagern aus organischen Materialien wie Stroh, Laub oder Matten, ergänzt durch Felle und Wolldecken. Komfortable Liegen mit Polsterung waren vermutlich der gesellschaftlichen Oberschicht vorbehalten.
Wie genau ein Schlafplatz in einem Haus der Elsachstadt aussah, lässt sich heute jedoch nicht mehr sicher beantworten. Gerade weil Holz, Stoffe und Pflanzenfasern fast vollständig vergangen sind, bleibt der Schlaf der Kelten eines der spannendsten kleinen Rätsel ihres Alltags.
Weitere Bildnachweise:
Galerie:
- Prof. Dr. Thomas Knopf, "Die Grabkammer des Keltenfürsten von Hochdorf, 2007, mit freundlicher Genehmigung des Keltenmuseums Hochdorf, Änderungen: keine. www.keltenmuseum.de